20. Literaten-Workflow¶
Dieses Kapitel beschreibt den vollständigen Arbeitsablauf aus Sicht einer schreibenden Person auf der Plattform klartext.jetzt. Es umfasst Onboarding, vier Einstiegspfade, die drei Phasen des Arbeitens, das Veröffentlichungs-Gateway sowie Kollaboration, Zugriffssteuerung und Rechtsraum. Zentrales Designprinzip: Kreative Freiheit als Prozess, epistemische Transparenz als Bedingung.
↗ Querverweis: Wirkmodell-Autor-Workflow – vgl. Kap. 21 ↗ Querverweis: Autorenumgebung – vgl. Kap. 5
19.1 Onboarding¶
Drei Schritte, weniger als zwei Minuten, alle Einstellungen später änderbar. Schritt 1: Einstiegspfad
OPTION A – WIRKMODELL-FIRST
→ System zeigt Wirkmodell-Katalog. Nach Auswahl: optionale Hooks (Einstiegsfragen, Figuren-Impulse, Szenenvorschläge). Nutzung fakultativ.
OPTION B – LEERES BLATT
→ Direkt in den Editor. System arbeitet still. Wirkmodell wird spätestens beim Veröffentlichen benötigt.
OPTION C – GEGENENTWURF (GEGENREDE)
→ Menüpunkt „Gegenrede“ bei einer veröffentlichten Geschichte. Variante A: gleicher Axiomraum, andere Perspektive. Variante B: gleicher Wirkraum, abweichender Axiomraum. Variante C: anderes Wirkmodell. Bidirektionale Narrativ-Narrativ-Relation wird angelegt. ↗ Querverweis: Bidirektionale Referenzstruktur – vgl. Kap. 6.2.2
OPTION D – IMPORT
→ Formate: .docx, .md, .scriv. Erstanalyse nach Import als Einladung: Themenfelder, vorgeschlagene Wirkmodelle, voräufige Claims. ↗ Querverweis: Import-Details – vgl. Kap. 20.6
Schritt 2: Arbeitsumgebung MINIMALISTISCH Großes Schreibfenster, alles andere auf Abruf.
STRUKTURIERT Schreibfenster mit geöffneten Panels: Szenenübersicht, Figurenblatt, Timeline, Axiomraum.
HYBRID (VOREINSTELLUNG) Schreibfenster mit ein- und ausklappbaren Panels.
Schritt 3: Systemverhalten Steuert Sichtbarkeit, nicht Aktivität. Gilt für alle Hinweise: Claim-Extraktion, Konsistenzprüfung, Wirkmodell-Abgleich, Gateway-Vorbereitung.
STILL Nur auf explizite Anfrage oder beim Veröffentlichen.
DEZENT (VOREINSTELLUNG) Kleiner Indikator in Szenenübersicht nach dem Speichern. Kein Pop-up.
AKTIV Kurze, nicht-blockierende Hinweise im Randbereich des Editors.
19.2 Phase 1: Freies Schreiben¶
Der Editor ist ein privater und geschützter Raum. Nichts ist für andere sichtbar ohne explizite Entscheidung der schreibenden Person. 19.2.1 Struktur eines narrativen Artefakts Intern strukturiert gespeichert: Werk → Teil → Kapitel → Szene → Fragment. Jede Einheit adressierbar, versionierbar, mit Wirkmodell-Elementen referenzierbar.
↗ Querverweis: Narrative Artefakte – vgl. Kap. 6.2.1 19.2.2 Systemverhalten im Hintergrund Sobald eine Szene gespeichert oder abgeschlossen wird: → Analyse auf implizite Annahmen, Kausalstrukturen, Begriffsmehrdeutigkeiten. → Extraktion voräufiger Claims als mögliche Aussagekerne. Nicht verbindlich. Die schreibende Person kann bestätigen, verwerfen, umformulieren oder offen lassen. → Mit Wirkmodell: Konsistenzprüfung. Ohne Wirkmodell: Speicherung für spätere Wirkmodell-Vorschläge. → Alle Prüfartefakte gespeichert, jederzeit abrufbar, nicht aufgezwungen. ↗ Querverweis: Claim-Objektklassen – vgl. Kap. 7.4.3 C ↗ Querverweis: Prüfartefakte – vgl. Kap. 7.4.6
19.3 Phase 2: Das Veröffentlichungs-Gateway¶
Kann nicht umgangen werden. Jede Veröffentlichung schließt Transparenzbericht ein. 19.3.1 Ablauf
SCHRITT 2.0 – RECHTSKONFORMITÄTSPRÜFUNG Das System prüft auf Konformität mit dem deklarierten Rechtsraum. Wichtig: Das System leistet keine verbindliche Rechtsberatung. Es weist auf mögliche Problembereiche hin; die rechtliche Verantwortung verbleibt bei der schreibenden Person.
→ Rechtsraum wird deklarativ gewählt. Mehrfachauswahl kumuliert Einschränkungen. → Schreiben wird nicht eingeschränkt. Veröffentlichung wird bei Befunden blockiert. → Widerspruch: Gutachter (inhaltlicher Administrator) kann Passagen einzeln prüfen und freigeben.
SCHRITT 2.1 – WIRKMODELL-STATUS
→ Verknüpft? → 2.3. Noch nicht? → 2.2.
SCHRITT 2.2 – WIRKMODELL VERBINDEN
→ A: Aus Katalog. B: Selbst anlegen. C: Vorhandenes als Basis.
SCHRITT 2.3 – KONSISTENZPRÜFUNG UND BEFUNDKLASSIFIKATION KRITISCHE BEFUNDE Direkte Widersprüche zwischen Text und Axiomraum; fehlende Verknüpfung zentraler Wirkzusammenhänge; ungeklärte Abweichungen. Müssen aktiv adressiert werden.
→ Widerspruch: Schreibende Person kann Einstufung anfechten; System oder Administrator entscheidet endgültig.
NICHT-KRITISCHE BEFUNDE Offene Annahmen, unsichere Evidenz, Mehrdeutigkeiten, unvollständig modellierte Nebenwirkungen. Können transparent ausgewiesen und veröffentlicht werden.
↗ Querverweis: Prüfverfahren – vgl. Kap. 7.5
SCHRITT 2.4 – FREIGABE
→ Zweistufig: interne Sichtbarkeit → öffentliche Sichtbarkeit. → Hauptautor gibt final frei (außer bei gleichberechtigtem Autor).
19.4 Phase 3: Transparenzbericht¶
19.4.1 Versioniertes Artefakt Der Transparenzbericht ist ein eigenständiges, versioniertes Artefakt mit drei Referenzen: Werkfassung, Wirkmodellfassung, Prüfstand. Änderungen erzeugen neue Version; alte bleiben erhalten. Nutzer können Benachrichtigungen wählen: eigene Werke / gelesene Werke / allgemein.
↗ Querverweis: Transparenzbericht als Prüfartefakt – vgl. Kap. 7.4.3 H 19.4.2 Inhalte Explizit genutzte Axiome; bestätigte Claims; implizite Annahmen; Kausalitätsketten; bewusste Abweichungen; nicht-kritische offene Befunde; Verweise auf Gegenreden (A/B/C). 19.4.3 Ausgabeformate Medienneutral: Anhang bei Langtext, Kurzversion mit Link bei Kurzformaten, eingebettet bei interaktiven Formaten. ↗ Querverweis: Medienneutrale Distribution – vgl. Kap. 12
19.5 Kollaboration, Zugriffssteuerung und Rechtsraum¶
19.5.1 Privatheit als Standard Einzige systemseitige Ausnahme: Rechtskonformitätsprüfung läuft immer. 19.5.2 Rollen CO-AUTOR Schreiben, bearbeiten, kommentieren – aber nicht selbständig veröffentlichen.
GLEICHBERECHTIGTER AUTOR Volle Rechte einschließlich Freigaberecht.
19.5.3 Begrenzung der Einladungen Begrenzt um Schattenveröffentlichungen zu verhindern. Der Dialog erklärt den Grund transparent. Administratoren können für Community-Projekte erhöhen. 19.5.4 Rechtsraum Deklarativ, Mehrfachauswahl möglich. Kumuliert Einschränkungen. Nur Leser mit gleichem Rechtsraum können lesen.
19.6 Import im Detail¶
→ Word (.docx): Heading-Stile → Kapitel-Szenen-Hierarchie. → Markdown (.md): #/## als Gliederungsebenen. → Scrivener: Strukturabbildung; bei Unklarheiten Vorschläge zur Bestätigung. Erster Analysemoment nach Import: Einladung, keine Beurteilung. Ton: „Hier ist, was ich gefunden habe – wenn du magst.“
19.7 Designprinzipien¶
KREATIVE FREIHEIT ALS PROZESS Keine Bedingungen an das Schreiben, nur an die Veröffentlichung.
EPISTEMISCHE TRANSPARENZ ALS BEDINGUNG Jede Veröffentlichung schließt Transparenzbericht ein.
PERSONALISIERUNG OHNE KOMPLEXITÄT Drei Onboarding-Fragen. Nicht mehr.
DAS SYSTEM FRAGT, ES URTEILT NICHT Hinweise als Fragen oder Angebote. Ausnahme: Rechtskonformität und kritische Gateway-Befunde. Das System leistet keine Rechtsberatung.
SYSTEMVERHALTEN EINHEITLICH still/dezent/aktiv gilt für alle Hinweise.
IMPORT GLEICHWERTIG Importierte Texte wie selbst geschriebene behandelt.
STRUKTUR IM HINTERGRUND Intern strukturiert – für die schreibende Person optional sichtbar.
TRANSPARENZ AUCH FÜR DAS SYSTEM Das System erklärt eigene Entscheidungen und Einschränkungen.
PRIVATHEIT ALS STANDARD Einzige Ausnahme: Rechtskonformitätsprüfung.
19.8 Geparkte Themen¶
VERSIONSMANAGEMENT ⏸ Geparkt: Axiomraum-Versionen und Abhängigkeiten.
COMMUNITY-VALIDIERUNG ⏸ Geparkt: Voting-basierter Status „akzeptiert“.
NOTIFICATION-SYSTEM ⏸ Geparkt: Drei Abonnementstufen.
LOGGING ⏸ Geparkt: Protokollierung von Autorenhandlungen.
WIRKMODELL-AUTOR-WORKFLOW ⏸ Geparkt: Gesondert in Kap. 21.
TECHNISCHES DATENMODELL ⏸ Geparkt: Felder, Fremdschlüssel, Versionierung.
API-KONTRAKTE ⏸ Geparkt: Schnittstellen Autoren-/Konsistenz-/Leserumgebung.
ROLLENSYSTEM ⏸ Geparkt: Vollständiges Rollenmodell.
19.9 Recycling: Transformatives Weiterarbeiten¶
Recycling ist eine neue Form der Werkbeziehung, die sich von Gegenrede und Import unterscheidet. Es geht nicht darum, auf ein Werk zu reagieren oder externen Text zu importieren, sondern ein bestehendes Werk als Ausgangsmaterial für eine eigene, transformierte Fassung zu nutzen. Das Originalwerk bleibt unverändert. Der recycelnde Autor erhält eine Kopie und arbeitet diese um. Beide Werke werden bidirektional verbunden: Das Original erhält den Link „ist Basis von“, das neue Werk den Link „basiert auf“. Diese Verbindung ist öffentlich sichtbar und nicht löschbar.
19.9.1 Voraussetzungen
→ Recycling ist nur für registrierte Nutzer verfügbar. Nicht registrierte Leser können die Autorenumgebung nicht betreten. → Der Autor des Originalwerks muss Recycling für sein Werk explizit erlaubt haben. Die Einstellung ist werk-spezifisch. Autoren können in ihren persönlichen Einstellungen einen Default setzen (Recycling generell erlaubt / generell nicht erlaubt), den sie für einzelne Werke überschreiben können. → Keine inhaltlichen Bedingungen: Der recycelnde Autor ist in seiner Richtung frei. Bedingungen würden Echo-Kammern begünstigen – nur wer ähnlich denkt, dürfte weiterschreiben. Das widerspricht dem Grundprinzip der Plattform. → Pflicht zur Weitergabe: Wer ein Werk veröffentlicht, das auf dem Recycling eines anderen basiert, muss Recycling für sein eigenes Werk automatisch erlauben. Diese Bedingung ist nicht abwählbar. Sie stellt sicher, dass Kreativität, die auf der Kreativität anderer aufbaut, zurückgegeben wird.
19.9.2 Ablauf SCHRITT 1 – RECYCLING INITIIEREN
→ Die schreibende Person wählt bei einem veröffentlichten Werk den Aktionspunkt „Recycling starten“. Das System prüft, ob Recycling für dieses Werk erlaubt ist. → Das System zeigt den Pflicht-Hinweis: „Dein veröffentlichtes Werk wird automatisch für Recycling durch andere freigegeben.“ Bestätigung erforderlich.
SCHRITT 2 – KOPIE ANLEGEN
→ Das System legt eine vollständige Kopie des Originalwerks an: Text, Struktur (Werk → Kapitel → Szene → Fragment), Metadaten (Cover, Klappentext, Tags als Vorschlag, nicht übernommen). Das Wirkmodell des Originals wird als Referenz hinterlegt, aber nicht automatisch übernommen. → Die Kopie gehört vollständig dem recycelnden Autor. Das Originalwerk bleibt unverändert.
SCHRITT 3 – REFACTORING Die schreibende Person überarbeitet den kopierten Text mit den normalen Werkzeugen der Autorenumgebung. Zusätzlich stehen Refactoring-Werkzeuge zur Verfügung:
→ Wirkmodell einziehen: Die schreibende Person wählt ein Wirkmodell (neu oder aus dem Katalog). Das System analysiert den kopierten Text und identifiziert alle Stellen, die durch das neue Wirkmodell berührt werden – Stellen die konsistent sind, Stellen die überarbeitet werden müssen und Stellen die im Original kein Äquivalent im neuen Wirkmodell haben. → Wirkmodell tauschen: Das Wirkmodell des Originals wird durch ein anderes ersetzt. Das System zeigt die Differenz zwischen Original-Wirkmodell und neuem Wirkmodell und markiert alle Textstellen, die dadurch inkonsistent werden. → Szenen-Diff: Eine Übersicht zeigt parallel Original und Kopie, Szene für Szene. Änderungen sind sichtbar markiert. Die schreibende Person kann jederzeit zurück zur Originalversion einer Szene. → Axiom-Mapping: Wenn das neue Wirkmodell ähnliche, aber nicht identische Axiome enthält wie das Original, schlägt das System ein Mapping vor: „Dieses Axiom aus dem Original entspricht wahrscheinlich jenem Axiom im neuen Wirkmodell – stimmt das?“
SCHRITT 4 – VERÖFFENTLICHUNG
→ Das Gateway läuft normal durch (vgl. Kap. 20.3). Zusätzlich wird die Basis-Relation zum Originalwerk im Transparenzbericht ausgewiesen: „Dieses Werk basiert auf [Originaltitel] von [Originalautor].“ → Das System benachrichtigt den Originalautor, dass sein Werk als Basis für ein neues Werk verwendet wurde.
19.9.3 Bidirektionale Transparenz Beide Werke sind dauerhaft miteinander verbunden und diese Verbindung ist öffentlich sichtbar – für Leser, für das System und im Transparenzbericht.
→ Original: zeigt alle Werke, die auf ihm basieren („ist Basis von“). Kette kann mehrere Ebenen tief gehen. → Recyceltes Werk: zeigt das Original („basiert auf“) und seinen eigenen Beitrag – was wurde verändert, welches Wirkmodell wurde hinzugezogen. → Die Relation ist nicht löschbar. Wer ein Werk recycelt hat, kann diese Tatsache nicht nachträglich verstecken. ↗ Querverweis: Bidirektionale Relationen zwischen Narrativen – vgl. Kap. 6.2.2 ↗ Querverweis: Transparenzbericht als versioniertes Artefakt – vgl. Kap. 20.4.1
19.9.4 Recycling in den Autoreneinstellungen In den persönlichen Einstellungen kann jede schreibende Person einen Default für alle ihre Werke setzen:
→ Recycling generell erlaubt: Alle veröffentlichten Werke können als Basis genutzt werden. → Recycling generell nicht erlaubt: Kein Werk kann als Basis genutzt werden. Ausnahme: Werke, die selbst auf Recycling basieren – hier ist Recycling nicht abwählbar (Pflicht zur Weitergabe). → Werk-spezifische Einstellung überschreibt den Default immer.