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4. Projektvision: Wissenschaftliche Modelle erzählbar machen

Die Grundidee des Projekts lautet: Komplexe Wirkmodelle sollen nicht nur erklärt, sondern erzählbar gemacht werden. Dabei geht es nicht um Vereinfachung im Sinne populärer Verkürzung. Vielmehr sollen wissenschaftliche, politische oder gesellschaftliche Modelle in narrative Formen überführt werden, ohne dass ihre Annahmen unsichtbar werden.

Die Plattform schafft hierfür eine kollaborative Autorenumgebung. Fachleute definieren die kausale Struktur eines Wirkmodells. Literaten oder narrative Designer entwickeln auf dieser Grundlage Geschichten. Eine KI-basierte Konsistenzschicht vermittelt zwischen beiden Ebenen, indem sie laufend überprüft, ob die Geschichte den gewählten Annahmen folgt oder unmarkierte Voraussetzungen einführt.

Die Vision ist ein neues Format zwischen wissenschaftlicher Modellierung, Literatur, Journalismus, politischer Bildung und interaktiver Wissensvermittlung. Es soll nicht nur erklären, was eine Position behauptet, sondern zeigen, wie sich eine Welt anfühlt, wenn bestimmte Annahmen gelten.

Ein Beispiel:

Ein ökonomischer Axiomraum beschreibt Inflation als primär nachfrageseitiges Phänomen. Darin gelten Regeln über Geldpolitik, Konsumverhalten, Investitionen und Preisbildung. Auf dieser Grundlage kann eine Geschichte über eine Familie, ein Unternehmen, eine Zentralbankentscheidung und gesellschaftliche Spannungen entstehen. Eine andere Geschichte könnte auf einem Axiomraum beruhen, in dem Inflation primär durch Energiepreise und geopolitische Angebotsschocks erklärt wird. Beide Geschichten können denselben Ausgangspunkt haben, aber unterschiedliche kausale Welten darstellen.

Der Unterschied liegt nicht nur im Plot. Der Unterschied liegt in den zugrundeliegenden Axiomen. Genau diese sollen sichtbar und vergleichbar werden.

Zwei Mechanismen sichern den epistemischen Pluralismus der Plattform strukturell ab:

→ Gegenrede: Ein Autor liest eine veröffentlichte Geschichte und antwortet mit einer eigenen. Er wählt eine von drei Varianten: gleicher Axiomraum mit anderer Perspektive, gleicher Wirkraum mit abweichendem Axiomraum, oder ein konkurrierendes Wirkmodell. Beide Geschichten sind dauerhaft bidirektional verbunden.

→ Recycling: Ein Autor übernimmt eine Geschichte als Ausgangsmaterial, behalt den Text als Basis und arbeitet ihn mit einem anderen Wirkmodell um. Das Original bleibt unverändert. Wer recycelt, muss sein eigenes Werk ebenfalls zum Recycling freigeben – Kreativität, die auf der Kreativität anderer aufbaut, wird zurückgegeben.

↗ Querverweis: Gegenrede-Mechanismus – vgl. Kap. 20.1 Option C und 21.1 Option C

↗ Querverweis: Recycling – vgl. Kap. 20.9