10. Perspektivpluralismus ohne Wahrheitsrelativismus¶
Ein zentrales Prinzip des Projekts ist die Trennung von Konsistenzprüfung und Wahrheitsprüfung. Das System soll nicht entscheiden, ob ein Axiomraum empirisch wahr ist. Es soll auch nicht behaupten, alle Axiomräume seien gleich plausibel. Es soll vielmehr transparent machen, welche Annahmen eine Geschichte benötigt und ob diese Annahmen in sich konsistent verwendet werden. Dieser Punkt ist entscheidend, um zwei Missverständnisse zu vermeiden. Erstens ist das Projekt kein Wahrheitsministerium. Es zentralisiert keine epistemische Autorität. Es entscheidet nicht, welche politische, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Position korrekt ist. Zweitens ist das Projekt aber auch kein relativistisches System, in dem jede Behauptung gleichwertig neben jeder anderen steht. Die Plattform verlangt formale Klarheit: Wer eine Position vertreten will, muss ihre Voraussetzungen explizit machen. Wer eine Geschichte erzählt, muss zeigen, auf welchem Modell sie beruht. Wer Kausalität behauptet, muss sie im Axiomraum verankern. Damit entsteht ein strukturierter Perspektivpluralismus. Konkurrierende Axiomräume können nebeneinander existieren. Ein Axiomraum kann beispielsweise CO₂ als dominanten Treiber des Klimawandels modellieren. Ein anderer kann andere Einflussgrößen stärker gewichten. Beide können Grundlage unterschiedlicher Narrative sein. Entscheidend ist, dass jede Geschichte ihre Voraussetzungen offenlegt. Der Leser kann anschließend vergleichen: Welche Grundannahmen unterscheiden sich? Welche Kausalitäten werden jeweils angenommen? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus? Welche Voraussetzungen bleiben offen? Welche Annahmen erscheinen plausibel, welche nicht? Die Plattform ersetzt also nicht das Urteil des Lesers. Sie ermöglicht es.
↗ Querverweis: Community-System, Trust Network und Nutzerprofil – vgl. Kap. 23