8. Die Verbindung zwischen Wirkmodell, Axiomraum und Narrativ¶
Die entscheidende methodische Herausforderung liegt in der Verbindung beider Ebenen. Wie lässt sich sicherstellen, dass literarische Autorinnen und Autoren nicht unbemerkt vom gewählten Axiomraum abweichen? Wie kann kreative Freiheit erhalten bleiben, ohne dass die Geschichte verdeckte oder widersprüchliche Annahmen einführt? Das System löst diese Frage durch kontinuierliche, KI-gestützte Analyse. Während des Schreibprozesses analysiert die Plattform den Text des Literaten fortlaufend. Jede Szene, Aussage oder Entwicklung kann gegen den gewählten Axiomraum geprüft werden. Wenn eine Handlung eine definierte Kausalität verletzt, wird dies markiert. Wenn eine Szene eine zusätzliche Voraussetzung benötigt, wird diese identifiziert. Wenn eine Aussage unklar bleibt, kann das System vorschlagen, sie explizit einem Axiom zuzuordnen oder eine neue Annahme zu ergänzen. Ein Beispiel: Der Axiomraum enthält die Annahme, dass drastische Zinserhöhungen kurzfristig Investitionen dämpfen. Die Geschichte beschreibt jedoch eine Situation, in der Unternehmen unmittelbar nach einer Zinserhöhung massiv investieren, ohne dass zusätzliche Bedingungen genannt werden. Das System könnte darauf hinweisen: „Diese Szene steht möglicherweise im Konflikt mit Axiom A-12. Soll eine Ausnahmebedingung ergänzt werden, etwa staatliche Subventionen, spekulative Erwartung, externe Nachfrage oder sektorale Sonderbedingungen?“ Der Autor muss die Geschichte nicht zwingend ändern. Er kann auch den Axiomraum erweitern, eine Ausnahme formulieren oder die Szene begründen. Entscheidend ist: Die Abweichung bleibt nicht unsichtbar. Ein zweites Beispiel betrifft implizite Annahmen. Eine Geschichte beschreibt, dass eine politische Reform schnell gesellschaftliche Stabilität erzeugt. Dafür könnten unausgesprochen mehrere Voraussetzungen nötig sein: funktionierende Institutionen, ausreichendes Vertrauen in staatliches Handeln, wirtschaftliche Stabilität, mediale Akzeptanz, administrative Umsetzungskapazität. Wenn diese Voraussetzungen nicht explizit im Axiomraum vorhanden sind, kann das System sie als implizite Annahmen markieren. Dadurch entsteht eine präzisere Verbindung zwischen Erzählung und Modell. Diese Funktion ist zentral, weil Geschichten häufig gerade durch Auslassung funktionieren. Nicht jede Voraussetzung kann oder soll im narrativen Text explizit erwähnt werden. Literatur benötigt Verdichtung. Das System respektiert dies, erzeugt aber am Ende eine Referenzstruktur, in der auch nicht erzählte, aber logisch notwendige Voraussetzungen sichtbar werden.
↗ Querverweis: Konkrete Implementierung im Autorenprozess – vgl. Kap. 20.2, 19.3, 20.5, 20.6